Kunstblatt Nr. 18
Rhona Mühlebach: «Schnecke und Semmel im Sturm», 2025
Virtual Filmstill mit Farbstiftzeichnung
Rhona Mühlebachs Begegnung einer Weinbergschnecke und einer Semmel auf einem Unterarm ist so schön wie die berühmte Begegnung einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf dem Seziertisch. Diese literarische Verortung des Surrealismus, 1868 notiert in den Gesängen des Maldoror durch den französischen Dichter Comte de Lautréamont, alias Isidore Lucien Ducasse, mäandert wahlverwandt durch das Kunstblatt «Schnecke und Semmel im Sturm». Weit- läufig und vielschichtig sind sie beide.
Während der langen Entwicklungsprozesse von Rhona Mühlebachs Werken entstehen nebenbei eigenständige kleinere Arbeiten. So auch diese Konstellation, präsentiert als eine Art Momentaufnahme. Das helfe ihr, den Charakter und die Facetten der Figuren besser zu entwickeln, sagt Rhona Mühlebach. Für ihre multimedialen Projekte recherchiert sie jeweils ausufernd und auf mehreren Ebenen, liest, beobachtet, fantasiert, assoziiert, denkt nach, tauscht sich mit Freunden und Expertinnen aus. So ist sie bei den Vorbereitungen der aktuellen Ausstellung zum Pax Art Award im HEK, Haus der Elektronische Künste, in Basel auf die Schnecke gekommen. Diese will sich versteinern, um bessere Zeiten abzuwarten – jedoch ohne zum Fossil zu werden. Die Absurdität tierischer Gefühlswelten fesselt uns Menschen mehr als unsere eigenen Widersprüchlichkeiten.
«Zahlreiche Schneckenarten sterben aus, ohne dass wir es bemerken», weiss die 1990 geborene, in Dettighofen (TG) aufgewachsene und heute in Wien lebende Künstlerin. Schnecken gelten gleichermassen als nichtig und monströs, liebenswürdig und eklig. Solche Ambivalenzen und Dissonanzen zwischen Mensch und Natur interessieren sie. Über die Schnecke ist auch der Wirbel in seinen verschiedenen sprachlichen Bedeutungen in ihr künstlerisches Universum geraten.
In der Kunstnische Hiltibold in der St. Galler Innenstadt durften wir vor ein paar Monaten dieses Weichtier kennenlernen. Damals trainierte es gerade Rumpfbeugen und teilte im Schneckentempo mit, dass es zwar wirbellos, aber keineswegs ohne Rückgrat sei und bat um mehr Wertschätzung. Diese sprechende und offensichtlich virtuell animierten Protagonistin, umrahmt von einer Farbstiftzeichnung mit Rückenwirbeln auf Papier, löste beim Publikum trotz oder gerade wegen des scheinbar Unvereinbaren herzerwärmende Gefühle aus. Die Schnecke wurde zur Freundin. Bei «Schnecken und Semmel im Sturm» ist aus den Wirbeln des ersehnten Schnecken-Rückgrats ein meteorologischer Wirbel geworden, oder auch ein emotionaler. Ist sie in den Liebessturm geraten? Ob unsere Schnecke nun ihren Fortbestand sichern möchte? Um dann allerdings in einer nächsten Sequenz die Semmel, «Irrtum» murmelnd, wie der Igel den Kaktus zu verlassen? Tiere wie Menschen versuchen in Rhona Mühlebachs Geschichten, ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Das Experimentieren mit unterschiedlichen Medien, das inhaltliche und formale Ineinandergreifen virtueller, realer und surrealer Welten spielen dabei eine tragende Rolle. Ihre Bildfindungen und filmischen Installationen kreisen um Fragen von Sehnsucht und Scheitern, zum Beispiel im Streben des Virtuellen nach vollkommener Echtheit und umgekehrt. Mit der Schnecke wirbt und wirbelt Rhona Mühlebach um unser emotionales und intellektuelles Potential und lehrt uns beiläufig und verspielt, Absichts- wie Aussichtsloses oder auch das mögliche Ende der Menschheit wahrzunehmen. Und dabei Freude, gar Glück zu empfinden, zu lachen. Ursula Badrutt

