Skizze (Corso), 2026
Wachs- und Farbstift auf Acryl auf gefaltetem Papier
Endlich wieder draussen sitzen, Sonnenbrille, T-Shirt. In den Schatten rücken. Wir erkennen Strukturen, Figuren, eine Situation in einem Café, vielleicht auch im Zug. Drinnen und draussen gleichzeitig. Leerstellen bilden Übergänge. Die vier Bildteile gehören zusammen und passen doch nicht nahtlos. Es sind flüchtige Impressionen, in ständiger Änderung begriffene Situationen, fragil, vereinzelt und doch zusammengehalten – einerseits von stilistischen, architektonischen und gestalterischen Elementen, andererseits vom inhaltlichen gemeinsamen Erfahren und der dazugehörenden Intimität. Sitzen und geniessen, Zeit haben, sich Zeit nehmen. Bloss einen Moment – er reicht der Künstlerin, die Zeit zeichnend festzuhalten.
Fabienne Lussmann ist Malerin. Komplexe Gefüge, Übergänge, Überlagerungen, Spiegelungen, Staffelungen interessieren sie besonders. Fotografische Skizzen dienen ihr als Ausgangslage. Wenn die 1988 geborene, in Appenzell aufgewachsene und heute in St. Gallen lebende Künstlerin mit wachem Blick durch die Landschaft, den Stadtraum, zwischen Häusern und Strassen entlang flaniert, Platz nimmt, beobachtet, wartet, hat sie stets auch Heft und Stift dabei. Fortlaufend entstehen Skizzen, gezeichnete Notizen. Dieses in die Hand und in den Stift verlängerte Sehen hat Fabienne Lussmann über alle die Jahre nie aufgegeben, sondern immer weitergetrieben, lustvoll, absichtslos und bislang eigentlich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Seit kurzem sind es nicht mehr die klassischen Skizzenbücher, sondern aus Papierbogen unter- schiedlicher Formate gefaltete, achtseitige handliche Heftchen. Vorgängig mit Restfarben aus den grossen Acrylmalereien lasierend grundiert, legen die rasch aufgetragenen, mit dem Pinsel gestrichene Farbbahnen Tonalitäten fest, Abklebebänder geben Struktur. Die Papiere faltet die Künstlerin so, dass sie sich mittels mittigem Faltspalt Seite für Seite durchblättern – und schrittweise wieder auffalten lassen, sich gegenseitig verdeckend. Ganz aufgefaltet ergibt sich ein komplettes Bild – oder auch nicht. Das zweimal gefaltete Kunstblatt nimmt diese Struktur auf, Fabienne Lussmann gibt damit den Blick frei auf vier von acht Feldern. Die restlichen bleiben verborgen.
Angeschnittene Schriftzüge und Formelemente, Lücken, Bruchlinien wecken die Erinnerung an nicht korrekt zusammengesetzte Würfelpuzzles, an kubistische Bildwerke und Denkweisen oder auch an die im Kollektiv entwickelte surrealistische Bild- und Textbaumethode «Cadavre Exquis». Hinter Fabienne Lussmanns Szenerien und Unbeschwertheit scheint etwas Geheimnisvolles, Unbekanntes, Verwirrendes zu lauern, ein Erdbeben vielleicht oder eine noch weiterreichende Erschütterung. Oder auch bloss ein Gewitter, das Ende eines scheinbar endlosen Sommertages. Ursula Badrutt

