Veronika Brusa

Veronika Brusa: «Aktuelle Weltlage», 2026

Gäbe es eine klare Trennlinie zwischen Mode und Kunst – sie verliefe genau durch Veronika Brusas Atelier. Oder noch präziser: durch Veronika Brusas Gedankenwelt. Die Modedesignerin und Künstlerin stünde mit je einem Bein in der Welt von Fashion und Couture und im Universum der Kunst.

Ihre Werke entstehen unter oft prekären Umständen, in hektischen Momenten, die textilen Entwürfe ebenso wie ihre Kunst. Sie, die als Unternehmerin und Modedesignerin um die Welt gejettet ist, Shanghai, New York und Paris als Arbeitsorte kennenlernte, Hochs und Tiefs, Euphorie und Niedergeschlagenheit mit ihren geschäftlichen Aktivitäten erfahren hat, stets aus der Einfachheit und dem Mangel heraus zu neuen Ideen fand – sie interessiert sich gar nicht für Mode an sich. Spannend findet sie nur das Machen, das Entwerfen, das Nachdenken über die Zusammenhänge: über Luxus und Selbstbeschränkung, über Kargheit und Überfluss, über Verschwendung und Nachhaltigkeit. Und über die Botschaft, die mit den Produkten vermittelt wird, aber auch über die Einsichten, die sie selbst mit ihren Entwürfen zum Ausdruck bringen will.

Problematisches gibt es auf beiden Seiten der gedachten Trennlinie zwischen Mode und Kunst: Übertreibung, Ungerechtigkeit, Ausnutzung. Mode und Kunst spiegeln die Gesellschaft mit ihren Widersprüchen und Verwerfungen, die Härten des Marktes, die Ungleichheit. Im besten Fall weiten sie den Horizont, stärken das Sein gegen das Haben.

Veronika Brusa ist eine Einzelkämpferin für das Individuelle und gegen das Normierende, gegen den Gruppenzwang, dem zu entfliehen fast unmöglich ist, weil wir gar nicht merken oder es nicht wahrhaben wollen, wenn wir ihm unterliegen. So gesehen ist es Kunst, wenn Veronika Brusa Mode schafft. Sie wurde 1983 geboren und wuchs in Gams im St. Galler Rheintal auf. Heute lebt und arbeitet sie in Finisterre, dem spanischen Fischerdorf am einst vermuteten Ende der Welt, dessen Ruhe den nötigen Ausgleich bietet für ihr überschäumendes Temperament.

Für das Kunstblatt wählte sie eine Fotografie, die eine Performance zwischen Mode und Kunst zeigt: Dynamisch, wild, rebellisch, ein Aufstand auf dem Catwalk, Widerstand gegen das Diktat steriler Schönheit. Sie entstand bei der einstündigen Präsentation der Herbst-/Winter-Kollektion 2017 ihres Labels Berenik an der Fashion Week New York: die erste Show, bei der sie nicht mit Models, sondern mit 50 Tänzerinnen und Tänzern arbeitete. Die Livemusik steuerte der Schweizer Marcel Gschwend aka Bit-Tuner bei: «Berenik was an unexpected masterpiece», schrieb danach ein Fachmagazin. In einer anderen Besprechung hiess es, es sei klar sichtbar, dass die aktuelle Weltlage eine Hauptrolle spiele in dieser Kollektion.

Das war vor neun Jahren. Inzwischen ist Veronika Brusa Mutter geworden. Sie lebt zurückgezogener, arbeitet aber weiter als Designerin und setzt sich mit der Weltlage auseinander. Während der Arbeit an diesem Kunstblatt drang Wasser in ihre Wohnung ein. Es kam zu einer Überschwemmung im Schlafzimmer. Auch das vielleicht ein Zeichen für den Zustand des Globus. Hanspeter Spörri