Peter Kamm: «Skulptur», 2025
Farbstift und Graphit auf Papier
«Das ist mein Alltag: die Zeichnungswand, vor der ich sitze.» Mit «Skulptur» gibt Peter Kamm Einblicke in seine aktuelle Arbeit. Das Wohnzimmer ist zum Atelier mutiert, in dem er täglich über Papierbögen gebeugt seine Energie über die Stifte in der Hand auf das Blatt zeichnen lässt. Es ist aber auch Begegnungsstätte, der Tisch auch Esstisch.
Das Werkzeug liegt auf diesem Tisch bereit, ordentlich aufgereiht, in Griffnähe: ein faustdicker Graphitblock, zwei abgestuft feinere, ein paar mit dem Messer gespitzte Farbstifte in den Tönen von hellem Gelb bis zu dunklem Rot, Radiergummi. Es sind die Werkzeuge des Bildhauers Peter Kamm. Der Stift in der Hand fühle sich für ihn genauso an wie der Meissel. Doch seitdem das Arbeiten am Stein im Atelier in Arbon aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr in Frage kommt und er die Skulpturen vom Steinmetz Michael Egli im
Austausch erarbeiten lässt, schafft er zuhause, vor sich das auf Karton oder Sperrholzplatten befestigte Papier. Was hier passiert, grenzt an ein Wunder.
Nach langen Wochen auf der Intensivstation und einem Aufenthalt in der Reha zog er Anfang 2024 in eine neue Wohnung ein. Mit im Gepäck war die Frage, ob eine künstlerische Weiterarbeit überhaupt möglich sei. Damit verbunden der Entscheid, mit dem Papierformat 70 cm × 50 cm und der Technik Graphit zu beginnen. Die Energie, die bereits die ersten Graphitarbeiten aus zeichnete, wuchs weiter, vielschichtig, strömend, drängend, voller Bewegung. Die Dringlichkeit ist ihnen eingeschrieben. Die Fortsetzung des künstlerischen
Tuns trotz Silikose-Befund ist für Peter Kamm lebenswichtig. Das Leben selbst wird darin manifest. Und ein Fest. Nach einem Jahr – der Wohnraum füllte sich zusehends, die Formate sind auf 86 cm × 61 cm gewachsen – taucht plötzlich Farbe auf; das Licht von aussen, die Werke befreundeter Künstler, die Blumen im Raum mögen dazu beigetragen haben. Auch der lange Atem von innen. Es braucht einiges Tüfteln und Ausprobieren, bis die unterschiedlichen Materialien ineinandergreifen. Auf eine weiss grundierte erste Schicht folgt Signalgelb. Darauf bauen sich Schichten aus Gelb-, Orange- und Rottönen auf. In dichten Linien formen sie immer wieder neu Körper, die Raum beanspruchen – mal mittig, mal nach links oder rechts geneigt, balancierend. Graphit-Elemente in unterschiedlichen Dichten definieren das Volumen und die Stimmung weiter, bauen ein Zusammenspiel voller Bewegung und mit Hang zum Geschichten Erzählen, geben Halt, geben Boden. Der Radiergummi nimmt wieder weg, das Messer schabt untere Schichten frei. Es ist eine Bildhauerarbeit, definiert durch das Aufbauen und Abtragen in zahlreichen Arbeitsgängen. Die Haltung des Bildhauers verdeutlicht auch die Titelgebung: «Skulptur». «Ich übertrage
den Vorgang vom Steinhauen in die Zeichnung. Ich brauche den Körper, brauche Kraft.»
Es geht weiter. Die Körper können abheben, fliegen, die Landschaft verändert sich. Die nächste Bildidee ist im Kopf parat. «Es ist meine Freude zu sehen, was auf den Blättern entsteht und diese Freude weiterzugeben.»
Ursula Badrutt

